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Wuchtbrumme
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Wir waren eine eingeschworene Gruppe. In dieser Gruppe waren vier Mädchen und drei Jungen
die Macher, wir bestimmten wo es lang ging. Jeder von uns hatte eine besondere Fähigkeit. Sport, Mathe oder einfach nur eine große Klappe.
Siebte Klasse und viele unserer Mitschüler
bemühten sich in diesen Kreis aufgenommen zu werden.
Aber wir bestimmten wer dazu gehörte und wer nicht. Dann gab es noch die absoluten Verlierer.
Thorsten, der so dünn war das der Wind ihn um
pusten konnte. Sein Spitzname, Spinnenbein und
dann gab es noch unsere Wuchtbrumme!
An ihren
richtigen Namen konnte ich mich lange nicht
erinnern. Samira, eine Türkin, schon allein
dadurch hatte sie einen schweren Stand, sie war
so rund wie eine Rumkugel und unser liebstes Opfer.
Jede ihrer Bewegungen war unbeholfen und plump.
Ihre Beine waren so dick, dass ein normaler Gang
nicht möglich war. Sie watschelte wie eine Ente
und schnaufte wie ein Walross.
Setzte sie sich auf einen Stuhl, ging das
Gelächter los, alle warteten darauf dass er
unter ihrem Gewicht zerberstet. Wurde sie an die
Tafel gerufen fingen wir an zu schnattern.
Der Sportunterricht muss für sie die Hölle
gewesen sein, nie schaffte sie auch nur die
einfachsten Übungen, schnaufend und keuchend war
sie immer bemüht mithalten zu können. Doch bei
diesem Gewicht hatte sie nie eine wirkliche
Chance. Wir feuerten sie an: "Wuchtbrumme vor,
schieß ein Tor", und dann lachten wir sie aus.
Sie hatte ein Talent, niemand aber auch wirklich
niemand konnte so wunderbar zeichnen und
Gedichte schreiben wie sie. Zudem war sie eine
Musterschülerin, Hausaufgaben hatte sie immer
und egal welche Klassenarbeit geschrieben wurde,
sie war vorbereitet. Heimlich bewunderte ich sie, aber ich durfte
mich nicht gegen die Gruppe stellen, schnell
wurde man selbst zum Opfer. Also lachte und
hänselte ich mit, damit die anderen mich
akzeptierten, anpassen und den Mund halten.
Ich hetzte zur Schule, fehlten mir doch noch
vier wichtige Matheaufgaben, ich hoffte dass
jemand aus der Gruppe mir aus der Klemme helfen
würde. Viel zu früh war ich da und außer Wuchtbrumme war keiner weit und breit zu finden.
"Na toll", dachte ich, gerade die hat mir noch
gefehlt. Ich setzte mich etwas entfernt auf eine
Bank des Schulhofes und versuchte sie zu
ignorieren.
Sie stand auf und setzte sich neben mich. „Hallo ich bin Samria“. Denkt die ich bin blöd?
„Samira?, ich dachte dein Name sei Wuchtbrumme!“ antwortete ich überheblich. Sie lachte, ich war etwas erstaunt über ihre Reaktion. „Und was gibt es da zu lachen?“ fragte ich sie. „Samria“ war ihre Antwort. „Ok, Samira was willst du?“ „Danke“ sagte sie. Ich war völlig von der Rolle, wollte sie? „Danke für was?“ fragte ich. „Dafür, dass du mich mit meinen richtigen Namen angesprochen hast“ Jetzt musste ich lachen. Sie hatte mich reingelegt. Samria schaute mich an und fing an zu erzählen.
Schöne Augen hat sie ja, dachte ich und klug ist sie auch. „Ich bin krank, habe Diabetes mellitus, viermal pro Tag muss ich Insulin spritzen. Meine Bauchspeicheldrüse funktioniert nicht so wie sie soll und in den Ferien muss ich wieder in eine Klink zum einstellen. Ich esse nicht mehr und
nicht weniger als du“ sagte Samira. „Dia was?“ fragte ich. „Das ist eine Stoffwechselkrankheit, man kann sogar daran sterben wenn man unterzuckert“ antwortete sie. „Samira das tut mir sehr leid für dich, ich hatte ja keine Ahnung. Kann ich was für dich tun?“ „Ja“ sagte sie „nenn mich nur bei meinem Namen, mehr möchte ich nicht.“
Der Schulhof belebte sich, ein paar aus meiner
Gruppe kamen auf mich zu, begrüßten mich herzlich. Was macht die Wuchtbrumme auf unserem
Platz, die Frage der Fragen und ich schaute mich hilflos um, es gab keine Hilfe und meine Antwort: „Samira hat mir bei den Matheaufgaben geholfen“ Ich lächelte sie an und ging mit einem Gefühl wie ich es noch nie erfahren hatte in unseren Klassenraum. Dieses Gefühl bestimmte mein weiters Leben, es zu beschreiben, sehr schwer.
Schäbig, böse, ungerecht, gemein und feige so
kam ich mir vor.
Ich löste mich aus der Gruppe und ging meinen eigenen Weg. Freundete mich mit Samira an und musste feststellen was für ein wunderbarer Mensch sie war. Angriffe von Seiten meiner ehemaligen Gruppe blieben aus, es wunderte mich sehr, aber sie
respektierten meine Entscheidung.
Die Herbstferien standen vor der Tür, wie immer verbrachte ich sie bei Oma. Samira verabschiedete sich sehr herzlich vom mir, sie
war ein wichtiger Mensch in meinem Leben geworden.
Schnell waren sie vorbei, die schönen Tage und der Schulalltag holte uns wieder ein. Ich stand auf dem Pausenhof, Herbststürme ließen
die Blätter auf dem Schulhof tanzen. Ein kalter
Wind fegte mir durchs Gesicht, zweimal hatte es schon geklingelt, aber Samira kam nicht.
Schnell lief ich in unseren Klassenraum, wollte nicht schon am ersten Tag zu spät kommen.
Unser Klassenlehrer betrat den Raum, versteinert und mit sehr ernster Mine stand er vor uns.
Ich muss euch eine sehr traurige Mitteilung überbringen, eure Mitschülerin Samira ist an den Folgen ihrer Diabetes verstorben.
Ich spürte noch immer den kalten Wind in meinem Gesicht, diese Worte, ein Stich fuhr mir ins Herz.
Sie kommt nie nie wieder, niemals, tot ..... So endgültig waren diese Worte.
Mir kamen die Tränen, ich stand auf, ohne ein Wort zu sagen verließ ich den Klassenraum.
Mein Herz wollte es nicht verstehen und es tat so weh!
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