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Wenn
die Seele einen Schleier trägt
Morgens 5:45 Uhr in unserem Umkleidezimmer.
Ich bin gerade dabei mich umzuziehen, die Tür geht auf
und Nurten betritt den Raum.
Nurten ist 18 Jahre, sehr schlank und hat wunderschöne
große, schon fast schwarze Augen.
Wir schauen uns an, sie lächelt. Und nun beginnt ihre
wundersame Verwandlung.
Das Kopftuch und die wallenden Gewänder verschwinden,
zum Vorschein kommt eine wunderschöne junge Frau, Haare
so schwarz wie die Nacht, blasses Gesicht und ihre fast
schwarzen Augen unterstreichen ihre Schönheit.
Ohne ein Wort ziehen wir unsere Schwesterntrachten an
und machen uns auf den Weg zur Stadion. Sie geht neben
mir, eine junge selbstbewusste Frau.
Eine schnelle Dienstübergabe und der Frühdienst kann
beginnen.
Nurten ist im zweiten Ausbildungsjahr, sie gehört zu den
Besten ihres Jahrgangs.
Ich bin mehr als stolz auf eine so liebe, einfühlsame
und an allem interessierte Schülerin.
Sie ist auf Stadion sehr beliebt und alle kommen gut mit
ihr aus.
Dienstende, wieder der gleiche Weg, umziehen und schnell
nach Hause.
Nurten schlüpft wieder in ihre Gewänder und zieht sich
das Kopftuch über.
Der Blick gesenkt und den Kopf leicht geneigt, so
verlässt sie das Krankenhaus.
Die junge selbstbewusste Frau ist wie weggeblasen. Vor
der Tür steht ihr Vater und wenn nicht er, dann einer
ihrer Brüder, der sie abholt und nach Hause bringt.
Nach ca. zwei Monaten kam sie zu mir, sie müsse ganz
dringend mit mir reden. "Ich kann meine Ausbildung nicht
beenden, ich werde heiraten". Ich war wie vor den Kopf
geschlagen.
"Nurten, und wen"? war meine Antwort, "Deine Ausbildung
kannst du doch auch dann zu Ende bringen". "Mein Vater
erlaubt es nicht und mein zukünftiger Mann schon gar
nicht".
Ich wollte mit ihren Eltern reden, doch sie lehnte ab,
dann wird alles noch viel schlimmer, war ihre Antwort.
Sie kündigte und nicht lange danach war sie verheiratet.
Vier Jahre sind vergangen. Eine Türkin kommt auf mich
zu, verschleiert, ein kleines Kind auf dem Arm und eins
im Kinderwagen und allen Anschein nach wieder schwanger.
"Och neee, die fehlt mir jetzt noch", war mein Gedanke,
hoffentlich keine vorzeitigen Wehen, wir sind doch hier
nicht auf der Gynäkologischen.
Sie sah mich an und diese Augen, so tief schwarz und so
traurig, es war Nurten. Sie wollte mal Hallo sagen und
fragen wie es mir so geht. Gut sagte ich und wie geht es
Dir? "Ich hab keine Träume mehr, mein Leben ist die
Hölle und ich weiß dass es keine Möglichkeit gibt da
raus zu kommen". Ich habe kein Wort heraus gebracht, nickte
und wir beide lächelten uns an und da war sie wieder für
einen kurzen Augenblick, die junge selbstbewusste Frau
ohne Träume, keine Aussicht das sich jemals etwas ändert.
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