Sie
waren eine Gemeinschaft, eine kleine
Siedlung. Jeder half dem anderen und niemand
war nur auf sein Wohl bedacht. Durch diese
Lebenseinstellung gelangten alle zu
Wohlstand
Jeder in dieser kleinen Siedlung war in
Besitz eines kleinen Häuschens und alle,
aber wirklich alle, sorgten sich und legten
aus diesem Grund Vorräte an. So sicherten
sie ihre und die Zukunft ihrer
Nachkömmlinge.
Sie war jung, unerfahren und neugierig.
Abenteuerlust und Reisefieber bestimmten ihr
Leben. Alle Warnungen etwas vorsichtiger zu
sein schlug sie in den Wind und das
bereitete ihren Eltern und Freunden großen
Kummer.
Nichts aber auch gar nichts konnte sie von
ihren Plänen abbringen die Welt zu erkunden
und so kam der Tag ihrer Reise.
Nur wenig nahm sie mit, das Nötigste, damit
der Ballast ihre Reise nicht all zu sehr
erschwerte.
Eine kleine wunderschöne junge Schnecke,
noch nicht erwachsen, aber auch kein Kind
mehr, so machte sie sich auf den Weg.
Stunde um Stunde wanderte sie, müde vom
laufen und der Last ihres Hauses, suchte sie
sich einen Platz zum Ruhen.
Es war eine kleine Siedlung so ganz anders
als sie es kannte, niemand hatte ein Haus,
jeder lebte in den Tag und keiner machte
sich Sorgen um die Zukunft, unbeschwert und
frei so kam es ihr vor.
Auf einmal stand er vor ihr, braun, groß,
ohne Haus, keine Last zu tragen.
Eine wunderschöne Nacktschnecke.
Er erzählte ihr von einem freien Leben, von
Liebe, wie schön sie sei, das wunderbarste
Wesen, das er je gesehen.
Sie fühlte sich von ihm angezogen,
Mentalität und Kultur, sicher ganz anders
als die ihre, aber das machte ihn ja so
verführerisch.
Ihre Liebe war groß und doch kam der Tag der
Trennung, sie wanderte zurück. Ihre kleine
Siedlung kam ihr auf einmal so spießig vor,
so langweilig. Tag ein Tag aus, arbeiten und
diese Last des Hauses, ihre Sehnsucht wurde
von Tag zu Tag größer. Sie musste zu ihm,
sein Leben ist mein Leben, frei sein und
geliebt werden, so wie sie es vorher nie
erfahren hatte. Eine Sehnsucht die größer
nicht sein konnte trieb sie zu ihm.
All ihr Vermögen, ihr Haus und die Dinge die
ihre Zukunft sicherten, packte sie ein und
wanderte zu ihm.
Er nahm sie in seine Arme beteuerte ihr
seine Liebe, aber er sei arm könne ihr
nichts bieten und seine Familie muss Hunger
leiden.
Ihre Liebe zu ihm machte sie blind und taub,
alles aber auch wirklich alles teilte sie
mit ihm und seiner Familie. Bis zu dem Tag,
als sie keine Vorräte mehr hatte, alles
verbraucht war und sie ihn bat Arbeit zu
suchen, um sie und das Kind, welches bald
das Licht der Welt erblickt, zu ernähren.
Er beschimpfte sie, sie sei geizig und
egoistisch, was sie von ihm verlangt sei
eine Frechheit, immerhin habe sie ja noch
ihr Haus, das sie verkaufen könnte.
Dann muss unser Kind und ich sterben
antwortete sie, ohne Haus kann ich nicht
leben.
Er reagierte nicht, zuckte mit den
Schultern, du hast es doch noch gar nicht
versucht, woher willst du das wissen, das du
ohne Haus nicht leben kannst?
Sie weinte die ganze Nacht, war hin und her
gerissen von dem Gedanken ihr Haus zu
verkaufen, aber was wenn ich dann sterbe,
dann stirbt unser Kind auch!
Auf einmal wurde sie wach, alles war Lug und
Betrug, seine Gier und Faulheit würde sie in
den Tod treiben und mit ihr das Kind.
Leise, es war dunkel, die Nacht war so
schwarz wie lange nicht mehr, nahm sie all
ihren Mut zusammen und wanderte zurück in
ihre kleine Siedlung. Ohne Lebwohl zu sagen,
machte sie sich aus dem Staub.
Müde, ausgebrannt, so kam sie zurück, arm
und verletzt, ihre Trauer fraß sich in ihre
Seele.
Aber die Gemeinschaft nahm sie auf, ihre
Freunde und Eltern schlossen sie in ihre
Arme und sie feierten ein großes Fest. Die
verlorene Tochter war zurückgekehrt und mit
ihr ein kleines neues Leben, das bald das
Licht der Welt erblicken würde.
Er erwachte, reckte und streckte sich,
tastete nach ihr, sie lag nicht neben ihm.
Brave Frau, war sein Gedanke, sie macht mir
Frühstück, so wie es sich für eine gehorsame
Frau gehört.
Er wartet und wartet, doch sie kam nicht. Er
wurde wütend. Wo treib sie sich rum, warum
kommt sie ihren Pflichten nicht nach?
Wütend sprang er von seinem Lager und machte
sich auf die Suche.
Dieses undankbare Frauenzimmer, wenn ich sie
erwische dann kann sie ihr blaues Wunder
erleben. Doch seine Suche war vergebens,
keiner hatte sie gesehen und niemand wusste
wo sie war.
So einfach kommt sie mir nicht davon, was
bildet sie sich ein, nur weil sie ein Haus
zu tragen hat und dieses nicht mit mir
teilen will, sich aus den Staub machen.
Nicht mit mir, mich verlässt keine.
Er machte sich auf den Weg in ihre kleine
Siedlung, aber die Sonne brannte, er war
ungeschützt, seine Nacktheit hielt den
Sonnenstrahlen nichts entgegen.
Immer wieder musste er Pause machen, sich in
den Schatten zurückziehen. Der Weg war sehr
beschwerlich. Sie, die kleine Schnecke mit
ihrem Haus war viermal so schnell gewesen,
er war jämmerlich anzusehen. Er hatte keine
Vorräte und Hunger plagte ihn,
runtergekommen erschöpft dem Tode nah, so
kam er in ihre Siedlung.
Man gab ihm zu essen, zu trinken, aber die
kleine Schnecke wollte ihn nicht sehen.
Sie war geheilt von seinem
Schmarotzerverhalten.
So kam es, dass der Oberamtsmann ihn
aufforderte, die Siedlung zu verlassen.
Wie ein getretener Hund mit eingezogenem
Schwanz schlich er davon, seine Nacktheit
machte ihn zum Gespött der Siedlung. All
seinen Reiz hatte er verloren, armselig, ein
Habenichts, ein Taugenichts so zog er davon.
Sie sah ihn und alle Narben rissen auf. Aus
der Ferne beobachtete sie ihn und es kam ihr
auf einmal so lächerlich vor, wie konnte sie
sich in ihn verlieben, er sah so jämmerlich
aus.
Sie war froh als er fort war und es dauerte
nicht lang, da bekam sie eine wunderschöne
Tochter. Sie war jetzt eine Frau, sie hatte
Verantwortung, all ihre Liebe und
Aufmerksamkeit schenkte sie der kleinen
Babyschnecke.
Doch ihre Trauer saß tief, ihre verletzten
Gefühle und die Schmach hatte sie noch nicht
überwunden.
Jeder Versuch sich ihr zu nähern endete
damit, dass sie sich in ihr Schneckenhaus
verkroch und ihre Fühler einzog.
Nur dem Wind erzählte sie ihr Leid. Ihre
Einsamkeit, ihre Ängste verletzt zu werden.
Der Wind hörte ihr zu und es kam, das er die
Geschichte weiter trug zu einem
Schneckenmann.
Auch er hatte seine Last, sein Haus war groß
und schwer, er arbeitet hart um seine
Zukunft zu sichern. Aber er war feinfühlig,
liebte das Leben und als er die Geschichte
von der jungen Schneckenfrau erfuhr, regte
sie sein Herz.
Vorsichtig näherte er sich ihr, doch sofort
zog sie ihre Fühler ein und verkroch sich.
Sie war so schön, so lieblich anzuschauen
und er gab nicht auf. Immer und immer wieder
streckte er ihr seine Fühler entgegen.
Und so kam was kommen musste, sie fing an
ihm zu vertrauen, ihre Fühler berührten die
seinen, erst ganz vorsichtig, bis zur
völligen Hingabe.
Sie wurden sehr sehr glücklich bekamen noch
zwei Kinder und der Wind erzählte die
Geschichte im ganzen Land.
So kam es das auch die Nacktschnecke davon
erfuhr.
Von Neid und Missgunst zerfressen überlegte
er: "Wie kann sie es wagen mich zu
vergessen".
Wir haben ein Kind, ich werde es mir holen
und sie bestrafen.
Doch er erinnerte sich an den beschwerlichen
Weg, der ihn bald sein Leben gekostet hat,
seine Trägheit und Faulheit hinderte ihn
sich auf den Weg zu machen.
Seine Freunde und alle aus der
Nacktschneckensiedlung machten sich lustig
über ihn, wie dumm er war, so eine
wunderbare Frau nicht halten zu können.
Er betrank sich jeden Tag, wurde hässlich
und unansehnlich.
Es war wieder eine Nacht in der er sich
betrank und Streit suchte, man setzte ihn
vor die Tür.
Er schlief ein. Es war Mittag als er
erwachte. Die Sonne brannte unaufhörlich und
er hatte keine Kraft mehr sich in den
Schatten zu retten.
Die Sonne und der Wind flüsterten sich etwas
zu. Er hat es verdient, keine Gnade sollte
er erhalten. Kein schützendes Blatt legte
der Wind über ihn. Er starb, einsam
vertrocknet, ohne Einsicht das er alles
falsch gemacht hatte.
Niemand vermisste ihn, keiner weinte um ihn
und bald war er vergessen.
Nur die kleine Schneckenfrau, sie dachte hin
und wieder an ihn, aber ohne Wut, ohne
Trauer.
Denn ihr Glück war vollkommen!!