Nasrem’s Mutter
Das Herz einer Frau blutet, wenn sie den
Mann verliert, ihr Herz stirbt, wenn sie
ein Kind verliert.
Vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes und
zwei Jahre nach dem Selbstmord ihrer
einzigen Tochter Nasrem, damals 17 Jahre,
war Gülsah immer noch mit den Nerven am
Ende. Gerade 46 Jahre und sie fühlte
sich wie eine alte Frau.
Es war nicht der Wunsch ihrer Tochter
freiwillig aus den Leben zu scheiden,
ihre Söhne hatte sie in den Tod
getrieben.
Ehre, welche Ehre, Nasrem war
verliebt in einen jungen Deutschen, sie
wollten heiraten. Jetzt hatte sie
niemanden mehr, ihre Söhne hatte sie
verstoßen. Kein Telefonat, keinen Besuch
gestattete sie den Beiden, sie hatten
ihr das Liebste genommen und verzeihen...
selbst wenn sie wollte, ihr Herz
war so kalt, das sie nicht einmal ihre
Enkelkinder sehen wollte.
Sie lebte immer noch in dem
Mehrfamilienhaus, auf dem Boden hatte
sich ihre Tochter erhängt. Wie ein Film
liefen jeden Tag die Geschehnisse vor
ihrem geistigen Auge ab. Jeden Tag ging
sie durch die Hölle.
In der Früh, es war noch dunkel. Im
Hausflur waren mal wieder einige
Glühbirnen defekt. Man konnte kaum die
Hand vor Augen sehen, als Gülsah den
Müll runter bringen wollte und gegen
etwas kleines, Rundes und Weiches stieß.
Ein Aufschrei des Schreckens, dann das
Licht einer Taschenlampe, das ihr direkt
ins Gesicht schien und sie blendete.
"Entschuldigung, hab sie nicht gesehen",
sagte das kleine runde Ding. Es war Frau
Huber, eine Nachbarin, die genauso
erschrocken war wie Gülsah.
Beide lachten und es war das erste Mal, dass sie miteinander sprachen. Frau
Huber, die gute Seele in diesem Haus,
seit 30 Jahren lebte sie in Berlin,
immer in derselben Wohnung. Sie hat
viele Geschichten gehört und Menschen
gesehen, die ein- und ausgingen, aber die
Geschichte von Gülsah’s Tochter Nasrem
hatte auch sie nie richtig verkraftet.
Frau Huber war verlegen, sie räusperte
sich, nahm all ihren Mut zusammen und
lud Gülsah zum Kaffee zu sich ein. Ich
backe einen Kuchen und würde mich freuen
wenn sie heute Nachmittag zu mir kommen.
Gülsah nickte, "ich kommen, wann ich
kommen soll"? Ihr Deutsch war nicht gut,
das was sie konnte hatte sie von Nasrem
gelernt, immer hat sie gesagt, Mama du
musst deutsch lernen, das ist wichtig.
Am selben Nachmittag saßen die beiden
Frauen zusammen und erzählten sich ihre
Lebensgeschichte. Frau Huber hatte keine
Kinder und ihr Mann ist vor einigen
Jahren verstorben. Um eine Aufgabe zu
haben, eröffnete sie vor Jahren eine Änderungsschneiderei und bot
nun Gülsah an
bei ihr zu arbeiten. Gülsah nahm dankend
an, so entstand eine Freundschaft und
endlich hatte Gülsah wieder eine
Aufgabe.
Fast ein Jahr arbeitet sie jetzt schon
für Frau Huber, es kamen immer mehr
türkische Frauen um ihre Kleidung ändern
zu lassen, schnell hatte es sich rum
gesprochen das Gülsah sehr gut nähen
konnte und endlich war jemand im Laden
der auch türkisch sprach.
Die meisten der türkischen Frauen
kannten das Schicksal von Gülsah,
niemand hatte die schreckliche
Geschichte vergessen. Ein kleiner Vorort
von Berlin, so etwas spricht sich rum, Nasrem war damals sehr beliebt und die
Trauer saß noch bei vielen im Herzen. Ein so junges Mädchen in den Freitod
getrieben, von den eigenen Brüdern.
Lena, so hieß Frau Huber mit Vornamen,
inzwischen duzten sich die Beiden. Sie
waren mehr als nur Freundinnen und die
herzliche Art von Lena tat Gülsah gut.
Nach langer Zeit konnte sie wieder
lachen.
"Morgen ist der Todestag von Nasrem und
wenn du möchtest, kannst du frei machen",
sagte Lena zu Gülsah.
"Nein ich werde
arbeiten, sonst grübel’ ich wieder den
ganzen Tag", antwortete Gülsah.
Am nächsten Morgen stand sie auf, fühlte
den Schmerz und der Todestag ihrer
Tochter weckte Erinnerungen, traurig
ging sie an ihre Arbeit.
Lena hatte einen kleinen Tisch
aufgestellt, eine weiße Tischdecke mit
Goldrand, eine Kerze, eine Rose und ein
Bild von Nasrem. Sehr gerührt schaute
Gülsah den Tisch an und bedankte sich
bei Lena für diese nette Geste.
Was dann geschah grenzte an ein kleines
Wunder.
Die Tür öffnete sich, die erste Kundin
betrat den Laden. Eine junge Türkin.
Sie
ging auf den kleinen Tisch zu. Eine
Rose, ein Briefumschlag und zu guter
letzt nahm sie ihr Kopftuch ab und legte
es neben Nasrems Foto.
So ging es den
ganzen Tag. An die dreißig Frauen kamen
in den Laden, immer das gleiche Ritual:
Die Rose, der Umschlag und zuletzt das
Kopftuch.
Gülsah und Lena waren sehr gerührt, von
dem kleinen Tisch war kaum noch etwas zu
sehen, die vielen Rosen, Briefumschläge
und Kopftücher bildetet eine Berg, ein
deutliches Zeichen des Mitgefühls und
des Aufbäumens gegen die Unterdrückung
der Frau, ein Mahnmal.
Gülsah öffnete einen Briefumschlag,
geschrieben stand:
Eine Rose für Nasrem. Niemals werden wir
dich vergessen, dein Tod war nicht
umsonst!