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Heile Welt

Meine Examensarbeiten waren geschrieben. Ich war sehr nervös, die Ergebnisse würde es erst in 12 Wochen geben und ich viel in ein Loch der Leere. Jeden Tag hatte ich gelernt, plötzlich hatte ich sehr viel Freizeit und so richtig was damit anfangen, dazu war ich noch gar nicht in der Lage.


Endlich Zeit... und was macht man damit? Oma, ja sie könnte ich mal wieder besuchen, lange hatten wir uns nicht gesehen. Es gab immer frisch gebackenen Kuchen und sie konnte wunderbar Geschichten erzählen.

Ich hol mir ein Stück Kindheit zurück, war mein Gedanke. (Heile Welt) Oma war so lieb und herzlich, genau das was ich jetzt so gut gebrauchen konnte.
Erst einmal anrufen: "Hallo Oma, wie geht es dir, gern würde ich dich heute besuchen. Hast du Zeit"? "Hab ich nicht", antwortete sie, "bin eingeladen beim Bundeskanzler. Er möchte mich befragen wie es um die Lage der alten Menschen in unserem Land steht". Im gleichen Atemzug: "Natürlich hab ich Zeit mein Mädchen, ich freu mich auf dich, kommst um 15 Uhr, dann ist der Kuchen fertig". Genau so war sie, immer zu einem Scherz aufgelegt.

 

Pünktlich wie ein Maurer stand ich vor ihrer Tür, sie legte immer sehr viel Wert darauf. Es roch nach frischen Kuchen und der Kaffe unterstrich das Aroma.

Ich erzählte von meinen Examensarbeiten und den Stress den ich in den letzten Wochen hatte, versuchte mich damit auch ein bisschen dafür zu entschuldigen, das ich mich solange nicht bei ihr gemeldet hatte. "Ach wie schön, Mädchen, du hast es gut. Bald verdienste dein eigenes Geld und stehst auf eigenen Beinen". "So schön ist das auch nicht", erwiderte ich, "du hast es gut gehabt, 40 Jahre mit Opa verheiratet, viele Kinder und keine Sorgen".

 

Sie schaut über ihren Brillenrand, das tat sie immer wen sie in Angriffstimmung war.

"Gut!? Was verstehst du schon davon?. Von morgens bis abends auf den Beinen, keine Waschmaschine, auf den Feld mit gearbeitet für 20 Pfennig die Stunde. Ein Kind nach dem anderen, kein Beruf und Opa? Na ja es ging immer nur nach seiner Nase. Er war der Herr im Haus, hat das Geld verdient und ich war die Putz- und Kochfee". "Damals war das so", sagte sie, "wir hatten keine andere Wahl". "Aber Oma, jetzt bist du ungerecht, Opa hat doch immer alles für die Familie getan".
"Quatsch mit Soße, es war nicht immer so schön wie du denkst, werd endlich erwachsen. Scheidung, oft hab ich dran gedacht, aber wie ohne Geld und Beruf. Wo sollte ich hin"?

Ich wurde sauer. Meine heile Welt, wie konnte sie es wagen sie zu zerstören! "Aber deine Freundinnen, sie waren doch glücklich oder nicht"?
"Nein, frag mal Liesbeth oder auch die Anderen! Junge Frauen sind zu beneiden und jeden Tag wünschte ich, noch einmal jung sein und so leben können wie du es bald kannst".


Ich wollte widersprechen doch sie wurde noch energischer.

"Schau dir die jungen Ausländerinnen an, willst du so leben? Unser Leben war auch nicht viel anders, nur Kopftücher haben wir nicht getragen. Unsere Männer sind in die Kneipe gegangen, Frauen haste da nicht gesehen. Uns war es vorbehalten an Koch- oder  Strickkursen teilzunehmen. Führerschein hatte so gut wie keine. Schau dir die Enkeltochter von Liesbeth an, die hat Schlosser gelernt, ist das nicht wunderbar? Euch steht die Welt offen, du kannst reisen, dich bilden und vielleicht auch mal heiraten und Kinder bekommen, aber es liegt in deine Hand, wie du dein Leben gestaltest. Wir hatten keine Wahl! Alles wurde uns vorgeschrieben, mach dies nicht und mach dass nicht, was sollen die Leute denken".

 

Mein Kaffee war kalt und Kuchen? Keinen Happen hab ich runter bekommen. "Ich muss los Oma, wir sehen uns bald wieder". Ich war kurz angebunden und stink sauer. "So eine alte verbitterte Frau", dachte ich. So kannte ich sie gar nicht, wo war meine heile Welt! „Wie in Kindertagen“? Alles hatte sie zerstört.

 

"Mach es gut mein Mädchen". Liebevolle Umarmung und Oma ging ohne ein weiteres Wort zu sagen ins Haus.

 

Ich ging zum Auto und wollte losfahren. Ich kann Auto fahren, schoss es mir durch den Kopf, ich hab eine Beruf und ich lass mir von keinem Vorschriften machen wie ich zu leben hab! Mir kamen die Tränen und ich sprang aus dem Auto, klingelte bei Oma. Sie öffnete die Tür. "Na mein Mädchen, haste was vergessen"? fragte sie. "Oma, ich liebe dich über alles, mehr wollte ich dir nicht sagen".

 

"Ach Mädchen, das weiß ich doch" und sie lächelte dieses Lächeln, so warm und herzlich.

 

Da war sie, meine heile Welt.