Noch eine Woche und dann beginnen die großen
Ferien. Keiner hatte mehr Lust den Unterricht so
zu folgen, wie unsere ach so geschätzten Lehrer
es sich gewünscht hätten. Sie waren sich dessen
bewusst und hielten es nicht mehr für notwendig
großartige Themen anzugreifen.
Es war ein Jahr der großen Entscheidung, geht es
zur Real- bleibt man auf der Haupt- oder schafft
man es auf Gymnasium.
In diesem Jahr war ich so fleißig wie noch nie,
denn mein Traum war es einmal Klassenbeste zu
werden. Ich war noch nie ein Streber, doch
diesmal war ich mir sicher ich werde die Beste
sein. Ich hatte große Konkurrenz unter meinen
Mitschülern, ein Pole und ein Türke, beide
verdammt gut und was das ganze noch erschwerte,
ich war in Mehmet ein bisschen verliebt.
Er sah so ganz anders aus als wir, schwarze
gewellte Haare, eine sehr dunkele Haut und grüne
Augen. Ich weiß wie ein Camembert, blonde Haare
und Sommersprossen. Jedes mal wenn er mich
ansprach bekam ich so ein kribbeln im Bauch.10
Jahre jung und das erste Mal verliebt.
Er beachtete mich nicht sonderlich, wenn ich es
mir so recht überlege schenkte er keinem Mädchen
so richtig seine Aufmerksamkeit.
Zwei Tage noch und dann gibt es Zeugnisse, alle
waren sehr nervös und ich wünschte mir, dass es
endlich ein Ende hat mit der Warterei. Wir
standen auf den Pausenhof und Mehmet schlenderte
lässig an uns Mädels vorbei. Schaute zu mir
rüber und lächelte mich an. Auf einmal wünschte
ich mir die großen Ferien nicht mehr so sehr,
wie sollte ich es so lange ohne ihn aushalten.
Dann traf es mich wie ein Blitzschlag, er ging
auf ein Mädchen zu, lächelte und gab ihr einen
Kuss auf die Wange. "Habt ihr das gesehen"? sofort
gab es laute Empörungsrufe von den Mädels. Ich
war wie versteinert und sagte ganz laut "Scheiß
Türke"!
Er war für mich gestorben!
Letzter Tag und es gab endlich die erhofften
Zeugnisse. Fünf Schüler wurden nach vorne
gebeten, Tomek der Pole, Mehmet und ich waren
auch dabei. Wir gehörten zu den Besten. Mehmet
wurde geehrt, er war Klassenbester und ich
hasste ihn noch mehr!
Es klingelte und das war der Beginn der Ferien.
Schnell nach Haus, Sachen packen und eine Woche
zu Oma. Sie wird mich in den Arm nehmen und
alles ist wieder gut.
Es gab Eierkuchen mit selbst gemachtem
Apfelkompott. Das tröstete mich etwas, meine
verschmähte Liebe rückte in den Hintergrund.
"Na mein Mädchen biste
die Beste geworden? Hast dir ja so viel Mühe
gegeben" "Nein" ich konnte
meine Enttäuschung nicht verbergen und sagte: "So
ein scheiß Türke und der Pole, die waren besser
als ich" Sie runzelte die Stirn, ihre Stimme
klang nicht mehr so wohlwollend. "Ach... scheiß
Ausländer so so. Komm mal mit in den Garten ich
möchte dir was zeigen"
Ich hatte ein ungutes
Gefühl im Bauch, folgte ihr aber und vor ihrem
wunderschönen Blumengarten blieb sie stehen.
"Was siehst du?"
"Blumen" antwortete ich
schnippisch“
"Was für Blumen?" fragte sie.
Ich
schaute mich um und lächelte, es war der
schönste Garten den ich je gesehen habe, eine
Farbenpracht, eine Vielfalt und es duftete wie
in einem Zauberland. Dieser Garten verwandelte
mich in eine Elfe und ich schwebte durch ihn
hindurch.
"Ganze viele sehe ich"
"Nun such dir eine aus,
welche findest du am schönsten"
"Ach Oma, sie
sind alle schön, ich kann mich nicht
entscheiden"
"Du musst dich aber für eine
entscheiden, welche nimmst du?"
"Die
Löwenmäulchen find ich am schönsten, die möchte
ich haben"
"Gut, dann reiß ich die anderen alle
raus und werfe sie auf den Kompost"
"Aber Oma",
dann ist es doch kein Blumengarten mehr"!
Ich war
erschocken. "Bitte tu das nicht, ich finde alle
schön, so schön bunt und nur Löwenmäulchen das
ist doch schrecklich langweilig".
"So so,
langweilig, genauso ist es mit den Menschen,
wenn es nur eine Sorte gäbe, wäre das nicht
schrecklich langweilig. Nur dadurch das wir
alle so unterschiedlich sind ist das Leben bunt,
interessant und lebendig wie mein Blumengarten".
"Und es darf nicht eine fehlen!"