Mein größter
Fehler…oder der Schauspieler und Ich
Mein Name ist M. und ich bin jetzt 34 Jahre alt. In unserem Dörfchen in Bayern geht es trotz der kurzen Entfernung zu München doch sehr beschaulich zu, also hat man oft in seiner Freizeit sehr viel „Leerlauf“. Auch ich hatte diesen „Leerlauf“, trotz meines damaligen Freundes, da er leider beruflich immer sehr viel unterwegs war, oft auch mehrere Tage hintereinander. Wie einige in meinem Freundes- und Bekanntenkreis habe ich mich dann dem großen sozialen Netzwerk im Internet angeschlossen. Ich fand es total klasse, viele alte Bekannte aus der Jugendzeit und vor allem der Schulzeit wieder zu treffen. Wie oft habe ich mich damals verwundert, wohin es viele im Laufe der Zeit verschlagen hatte.
Ein großes Hobby von mir wurden dann auch die interessanten Spiele dort, allein auch wegen den Möglichkeiten, dort durch „Nachbarschaften“ neue Leute von überall her kennen lernen zu können. So saß ich fast jeden Abend manche Stunde vor meinem Computer und war regelrecht gefesselt und entspannt zugleich.
Im Februar 2011 passierte es dann. Es war wieder einer dieser Abende, ich war alleine und spielte so vor mich hin, als ich einen neuen „Nachbarschaftskontakt“ erhielt. Ein recht netter Mann, Anfang 30 wie ich später erfahren durfte, suchte den Kontakt zu mir. Er nannte sich Alfredo, wohnte in der Türkei und spielte anscheinend auch sehr gerne die Spieleangebote. Hier hatten wir den ersten Kontakt, ein paar Tage später wurden wir „Freunde“ im Netzwerk. Dann erfuhr ich auch seinen richtigen Vornamen, er hieß Alper und lebte in Bursa. Für mich war er ein sehr interessanter und sympathischer Mann, auch weil mich sein Beruf des Schauspielers faszinierte. Er erzählte mir über das Theater, wo er arbeitete. Es war dort anscheinend alles etwas anders als wir es von unserer Heimat aus kennen. Das alles war für mich einfach sehr interessant und so trafen wir uns nach wenigen Tagen dann fast täglich abends im Chat. Wir erzählten uns alles Mögliche, zumindest so gut wie es möglich war, denn sein Englisch war nicht besonders gut. Aber es reichte vollkommen aus, um letztendlich zu verstehen, was gemeint war. Eines konnte er besonders gut: mitten in einem Thema gekonnt Komplimente einzubringen, welche aber auch immer voll in das Schwarze trafen, nämlich in mein Herz. Nach und nach wurde meine Zuneigung für ihn immer stärker, es geschah einfach. In den ersten Wochen bekam mein Freund von alle dem zum Glück nichts mit, er war meistens unterwegs, aber ich chattete dann auch, wenn er zuhause war. Es verwunderte ihn ziemlich, denn das war in diesem Maße bei mir nie üblich gewesen. Aber nach gut 6 Wochen war ich einmal etwas unvorsichtig und mein Freund bekam etwas mit. Er machte natürlich eine riesen Sache daraus, ich sagte immer wieder zu ihm, dass es doch nur eine Internetbekanntschaft sei. Aber er konnte nicht damit leben, immer wieder hatten wir heftigsten Streit und Diskussionen. Er hatte seine Meinung, gerade über diese Art der Bekanntschaften und was häufig damit verbunden sein könnte. Das konnte ich für mich aber absolut ausschließen, da war ich mir zu diesem Zeitpunkt schon mehr als zu 100 Prozent sicher.
Es kam wie es kommen musste, wir trennten uns. Einerseits war es für mich eine Erleichterung, auf der anderen Seite überlegte ich natürlich zeitweise, ob es richtig gewesen war. Ich konnte ja nicht wissen, was die Zukunft mit Alper mit mir vor hatte. Diese Gedanken legte ich aber recht schnell beiseite, ich genoss einfach alles was dann auf mich zukam. Er gab mir von Tag zu Tag mehr das Gefühl, auch für Ihn die große Liebe zu sein. Er war so herzlich, jeden Tag rief er mich mehrmals auf meinem Handy an. Ich freute mich jedes Mal wenn ein Anruf kam, leider telefonierten wir nicht richtig miteinander, weil er sein Englisch dafür einfach zu schlecht beurteilte. Mir wäre das völlig egal gewesen, aber er zog es vor, beim Schreiben zu bleiben.
Meine beste Freundin wusste von meiner Internetfreundschaft, allein schon nachdem ich mich von meinem Freund getrennt hatte. Sie stand dem allen allerdings auch etwas skeptisch gegenüber, sagte mir aber auch immer, ich solle mich auf mein inneres Gefühl verlassen und das machte ich auch. Für mich war im Rahmen der Möglichkeiten alles perfekt, bis er sich nach ca. 3 Monaten veränderte. Er wirkte bedrückt und nachdenklich, wenn ich ihn abends über die Webcam sah, war er irgendwie ein anderer Mensch. Aber er sagte mir nichts, zumindest nichts genaues. Nach ein paar Tagen erzählte er mir, dass er in familiären Schwierigkeiten stecken würde. Ich machte mir große Sorgen, alleine schon weil er mir immer sehr viel von seiner Familie erzählt hatte und mit seiner Schwester gemeinsam im Haus wohnen würde. Leider sagte er mir keine genauen Details, ich dachte mir, es würde vielleicht auch an den sprachlichen Schwierigkeiten liegen. Er benötigte dringend 500 Euro, ich weiß bis heute nicht warum, aber es war für mich überhaupt keine Frage, dass ich ihm helfen würde. Das tat ich auch, und er war mir unendlich dankbar. Für ihn war es unglaublich, dass ich keine Sekunde gezögert hatte, um ihn zu helfen. So wurde unsere „Beziehung“ im Rahmen der Möglichkeiten immer intensiver. Leider kam es aber zunächst zu keinem persönlichen Treffen, immer wieder fragte er mich, ob ich ihn besuchen könnte, doch ich hatte kurz vor Beginn unseres Kontaktes eine neue Arbeitsstelle bekommen und hatte daher zu dem Zeitpunkt nicht die Möglichkeit, Urlaub zu nehmen. Natürlich fragte ich ihn genauso, doch er hatte nicht die Möglichkeiten nach Deutschland zu kommen. So mussten wir uns erst einmal mit dem begnügen was wir hatten. Wir chatteten täglich jeden Abend bis in die Nacht hinein, für mich war es von Tag zu Tag schöner.
Es vergingen dann ein paar weitere Wochen als er wieder spürbar und deutlich sichtbar ernster wurde. Meinen Fragen nach dem Grund wich er eine Zeit lang aus, doch dann erzählte er mir, dass er zum Militärdienst berufen wurde. Ich bekam es mit der Angst, da ich schon einiges über das Thema Militärdienst in der Türkei gehört hatte. Ganz davon abgesehen, dass es dann einen sehr langen Zeitraum gegeben hätte in dem wir keinen Kontakt hätten haben können oder zumindest nicht so intensiv wie bisher. Wir waren beide sehr geschockt über diese Neuigkeit aber er schrieb mir immer wieder, dass es für ihn absolut nicht machbar sei, den Dienst zu absolvieren. Und ganz ehrlich, da wäre er auch nicht der Mensch für gewesen aber wie sollte dieses bewerkstelligt werden? Er erzählte mir nach ein paar Tagen, dass es in der Türkei die Möglichkeit geben würde sich vom Dienst freikaufen zu können. Dieses wäre zwar nicht ganz einfach aber durch Kontakte, welche er hatte, würde sich ihm die Möglichkeit bieten. Das erleichterte mich zunächst, hatte ich doch keine Ahnung, welche Summen damit verbunden gewesen wären. So sagte ich ihm natürlich ganz spontan, dass er mit meiner Hilfe rechnen könne, zumindest so weit wie ich könnte. Er konnte mir zu diesem Zeitpunkt noch nichts Genaues sagen und ich wusste auch keinen Termin, wann der Dienst eigentlich beginnen sollte. Ein paar weitere Tage später, der Juli hatte gerade begonnen, eröffnete Alper mir, dass er für den Freikauf ca. 12.000 Euro benötigen würde. Ich fiel aus allen Wolken, mit einer solchen Summe hatte ich nicht gerechnet. Aber ich hielt mein Wort und versuchte ihm zu helfen wie es nur ging. Mein erster Gedanke war ein Kredit über meine Bank, da ich aber 2 Monate vorher ein Auto gekauft hatte und dafür einen Bankkredit aufgenommen hatte, entfiel diese Möglichkeit. Aber ich wollte ihm unbedingt helfen, auch weil er immer wieder betont hatte, seine Schuld bei mir so schnell wie nur möglich zurückzahlen zu wollen. Auch wollte er sich einen Zweitjob suchen, um sich finanziell zu stärken. Aber was konnte ich nur tun? Mit meinem Einkommen konnte ich keine großen Sprünge machen, so entschied ich mich dazu, eine Lösung in meinem Freundeskreis zu suchen. Nur meiner besten Freundin erzählte ich die ganze Geschichte, allen anderen sagte ich nicht ganz die reine Wahrheit. Aber ich bekam Unterstützung, auch von meiner besten Freundin und die hatte ihre Skepsis ganz sicher noch nicht abgelegt. Aber sie half mir trotzdem. Das Ganze zog sich etwas hin, aber ich war wenigstens in der Lage ihm nach und nach Geld zu schicken. Es machte mich auch nicht nachdenklich, dass er mir keine Kontoverbindung von ihm genannt hatte. So machte ich einen Bargeldtransfer nach dem anderen bis die Summe zusammen war. Doch leider sah ein Freund von mir einen Beleg über einen Geldtransfer in meinem Wohnzimmer und sprach mich darauf an. Ich erklärte ihm den Hintergrund und er war fassungslos, was ich wiederum überhaupt nicht verstehen wollte und konnte. Das machte dann natürlich in meinem Freundeskreis die Runde und ich kann behaupten, dass es für unsere freundschaftlichen Verhältnisse nicht gerade das Beste war. Aber ich ließ mich nicht beirren, auch meine beste Freundin stand weiterhin auf meiner Seite. Während dieser ganzen Zeit hatten Alper und ich fortwährend einen tollen Kontakt. Dieser half mir den Ärger mit meinen Freunden zu verdrängen. Aber dann wurde unser Kontakt etwas weniger. Er hatte einen Zweitjob gefunden und musste dann häufig abends spät noch bis tief in die Nacht arbeiten. Aber er erzählte mir nicht viel darüber. Dafür aber eröffnete er mir seine Pläne nach Deutschland zu kommen, um sich hier an einer guten Schauspielschule weiterzubilden. Er wollte in seinem Beruf schließlich auch weiterkommen. Das erweckte in mir natürlich einen sehr schönen Ausblick auf eine gemeinsame Zukunft. Doch wurden unsere Treffen abends immer weniger.
Durch einen glücklichen Zufall eröffnete mir mein Chef, dass ich in der zweiten Augusthälfte eine Woche Urlaub bekommen könnte. Das war sehr spontan und kurzfristig aber ich freute mich natürlich darüber. Einfach mal eine Woche Ruhe, die kam mir natürlich sehr gelegen. Ich erzählte meiner besten Freundin davon. Sie sagte direkt zu mir, das sei doch die Gelegenheit Alper in Bursa zu besuchen. Am gleichen Abend trafen wir uns tatsächlich im Chat und er war sehr überrascht und freute sich auch. Allerdings wäre es dann besser, wenn man sich ein günstiges Zimmer für die Zeit suchen würde, da er zum einen nicht genügend Platz für Zwei hätte und zum anderen ja auch mit seiner Schwester zusammen wohnen würde. Ich sah darin nicht wirklich ein Problem, auch schon deswegen, weil meine beste Freundin mir angeboten hatte, mich zu begleiten. Sie konnte sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen als Selbständige und mir machte es die Sache etwas leichter. Ich weiß nicht unbedingt, ob ich alleine in die Türkei geflogen wäre aber so machte ich mir nicht wirklich negative Gedanken. Im Gegenteil, der Gedanke daran Alper endlich in die Arme nehmen zu können, erfreute mein Herz.
Der Tag kam, die Aufregung stieg unaufhörlich und wir saßen im Flieger. Es war ein angenehmer Flug nach Istanbul, von dort aus fuhren wir dann mit einem Bus nach Bursa. Die Suche nach unserer gebuchten Unterkunft erwies sich als recht unproblematisch, so hatten wir alles sehr schnell geregelt. Ich schrieb Alper eine SMS, dass ich in Bursa angekommen wäre, aber ich bekam keine Antwort. Das machte mich zunächst nicht nachdenklich, aber als mehr als 3 Stunden vergangen waren, entschlossen wir uns ein Taxi zu suchen und zu ihm nach Hause zu fahren. Dort angekommen fanden wir zunächst nichts Auffälliges vor, ihn aber leider auch nicht. Wir schauten uns in der Gegend ein bisschen um und wieder an seinem Wohnhaus angekommen, kam er tatsächlich nach Hause. In Begleitung einer Frau. Ich dachte zuerst an seine Schwester aber, was soll ich sagen: es war seine Freundin. Und zukünftige Ehefrau! Er versuchte mir zu erklären, dass manche Dinge vielleicht missverständlich gewesen wären. Ich sagte ihm nur, dass meine Geldhilfe bestimmt nicht missverständlich gewesen war. Doch dieses Thema leugnete er nahezu. Es sei von Geldleihe nie die Rede gewesen. Er habe es vielmehr als Unterstützung oder als Geschenk aufgefasst. Ich war fassungslos und brach innerlich geradezu zusammen. Ich weiß selber nicht wieso aber eigentlich hätte ich nur noch auf ihn losgehen wollen. Aber das passierte nicht vielleicht auch deshalb, weil meine Freundin mich recht zügig von diesem Ort wegbrachte. Wir machten ihm klar, dass dieses nicht das letzte Treffen oder der letzte Kontakt gewesen werde. Aber das schien ihn nicht wirklich zu interessieren. Mit Abstand betrachtet kann ich es immer noch nicht fassen, dass ein Mensch zwei so unterschiedliche Wesen haben kann! Einfach nur unfassbar! Manchmal denke ich aber auch über meine unfassbare Naivität nach. Hätte ich es wissen müssen, gab es für mich irgendwelche Anzeichen? Ich habe nach wie vor keine gefunden. Er war wohl perfekt!
Wenn ich dann noch bedenke, dass fast mein ganzer Freundeskreis für diesen Menschen zerstört wurde, steigt meine Wut und Enttäuschung in nicht gekannte Höhen. Und ich musste mir selbst eingestehen, dass meine Freunde und auch mein damaliger richtiger Freund, Recht hatten. Meine Eigensinnigkeit ärgert mich fast noch stärker als der finanzielle Verlust, denn von Alper habe ich nichts mehr gehört, keine Antworten auf Kontakte meinerseits. Und strafrechtlich habe ich keine große Chance, da ich die Vortäuschung falscher Tatsachen nicht nachweisen kann. Ob er mittlerweile verheiratet ist weiß ich nicht, wenn ja, wird es mit meinem und meinem geliehenen Geld bestimmt eine schöne Feier gewesen sein!!!